Vier erklärte Meister der Improvisation

Der Ruf, der dem Janoska Ensemble vorauseilt, füllte das Auditorium der Kunsthalle Appenzell bis auf den letzten Platz. Zu erleben waren die kürzesten neun Minuten des Tages mit Beethoven und weitere Auszüge aus dem Album «The Big B’s».

  • Die Geiger Ondrej (links) und Roman voll konzentriert während einer Improvisation. Der Pianist und der Kontrabass schaffen das solide Fundament dazu. (Bilder: Rolf Rechsteiner)

    Die Geiger Ondrej (links) und Roman voll konzentriert während einer Improvisation. Der Pianist und der Kontrabass schaffen das solide Fundament dazu. (Bilder: Rolf Rechsteiner)

  • Die Musiker von links: Ondrej, Frantisek und Roman Janoska mit ihrem Schwager Julius Darvas.

    Die Musiker von links: Ondrej, Frantisek und Roman Janoska mit ihrem Schwager Julius Darvas.

Das Album «The Big B’s» wurde 2022 bei «Deutsche Grammophon» weltweit veröffentlicht und führt nun das Janoska Ensemble von Konzert zu Konzert. Die nächsten Stationen nach Appenzell seien ein Auftritt in Deutschland, bevor die Reise nach Macao und Hongkong weiterführt, so der Moderator. Vier Musiker im besten Alter haben sich der Improvisation verschrieben und damit eine Kernkompetenz von Spitzenmusikern der Klassik neu aufleben lassen. Der Kontrabassist Julius Darvas etwa bezeichnete J. S. Bach als den herausragenden Meister der Improvisation. Sein Doppelkonzert d-Moll BWV 1043 für zwei Violinen, im Janoska-Style zelebriert, wurde denn auch zum zweiten und umjubelten Höhepunkt des Abends.

Vier Spitzenkönner

Den Namen hat das Ensemble aus gutem Grund: Ondrej, Roman und Frantisek Janoska sind Söhne einer slowakischen Familie, die in sechster Generation musiziert, und Julius Darvas ist ihr Schwager. Zu viert sind sie unschlagbar, wenn es darum geht, die Einschränkungen des Taktstrichs zu vergessen und der vorherrschenden Stimmung in freier Interpretation zu folgen. Konzertsäle beginnen zu beben, wenn das «Geben und Nehmen» zwischen Musikern und Publikum gelingt.

Schon der erste Konzertteil legte Zeugnis ab für die Musizierfreude des Ensembles und die Wucht seiner Interpretationen. Zum Auftakt erklang der Ungarische Tanz Nr. 1 in g-Moll von Johannes Brahms, der bereits mit einen «Wow» aus dem Publikum quittiert wurde. Beethovens Albumblatt für Elise, neu gefasst von Frantisek Janoska (Violine), liess aufhorchen. Schon im Auftakt zum vielzitierten Ohrwurm versteckte der Pianist abweichende Akkorde der linken Hand, und bald fand man sich in Weitergedachtem, das Anhänger des Jazz zum Schwelgen animierte. Die beiden Geiger setzten über den virulenten Fingersatz ihres Bruders filigrane, aber auch hart gestrichene Kapriolen. Dem jüngsten Sohn von Roman Janoska war eine eigene Komposition des Vaters gewidmet, und Zitate aus den Rumänischen Volkstänzen von Béla Bartok rundeten den ersten Teil ab.

Neun Minuten

Nach der Pause wurde ein Experiment präsentiert – unter dem Titel «9 Symphonies in 9 Minutes», eine Paraphrase von Frantisek Janoska über die neun Symphonien von Ludwig van Beethoven. Gespielt wurden die beliebtesten Passagen aus diesen Meisterwerken mit allerhand eingestreuten Abweichungen, die nur durch eingehenden Blickkontakt der Musiker gesteuert wurden. Eine Zeitmessung des Pianisten ergab, dass die Vorgabe um ganze 34 Hundertstel überschritten worden war. Der virtuose Tempomacher hatte an diesem Volltreffer grossen Anteil.

Nach einem wuchtigen Abstecher zu Dave Brubeck machte sich das Ensemble an das erwähnte Doppelkonzert für zwei Violinen. Herausragend gelang der zweite Satz, in dem die Geiger Ondrej und Roman eine zarte Seite ihres Wesens offenbarten. Filigrane Flageoletts auf den historischen Instrumenten schafften einen ruhenden Pol, der in einem umso wuchtigeren Finale des dritten Satzes gipfelte. Trotz des anstehenden Reiseprogramms liessen sich die vier Musiker zu einer Zugabe erweichen. Der Czardas von Monti wurde bejubelt, und unversehens geriet man zu den «Beatles», deren «Hey Jude» sogar zum Mitsingen herhalten durfte.

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