Melange aus Appenzeller Musik, Klassik und Jazz

Die Musiker und Organisatoren scheinen einen guten «Draht nach oben» zu haben: Denn das Wetter spielte mit. Nach einem einmaligen Konzerterlebnis mit Clarigna Küng, Roland Küng und Organist Nikolai Geršak in der Appenzeller Pfarrkirche genossen sie mit dem ­beglückten ­Publikum einen feierlichen Apéro in schönster Abendstimmung auf dem ­Kirchenvorplatz.

  • Roland Küng (Hackbrett), Clarigna Küng (Violine) und Nikolai Geršak (von links) gestalteten in ungewöhnlicher Besetzung in der Appenzeller Pfarrkirche ein einzigartiges Konzert. (Bild: Monica Dörig)

    Roland Küng (Hackbrett), Clarigna Küng (Violine) und Nikolai Geršak (von links) gestalteten in ungewöhnlicher Besetzung in der Appenzeller Pfarrkirche ein einzigartiges Konzert. (Bild: Monica Dörig)

Ein Konzert wie dieses in der katholischen Kirche von Appenzell wird es kein zweites Mal geben. Man könnte von «himmlischer Musik» schwärmen. Die Musiker haben auf wunderbare Weise einen «Draht» gespannt zwischen weltlicher und geistlicher Jubel- und Seelenmusik. Die Trio-Besetzung war ungewöhnlich, das Programm von Improvisationen und grosser individueller Ausdruckskraft getragen. Violinistin Clarigna Küng und ihr Bruder Roland Küng am Hackbrett gestalteten zusammen mit dem deutschen Organisten Nikolai Geršak mit Gespür für Tradition, Virtuosität und künstlerische Freiheit ein tänzerisches Klangereignis.

Orgelgewitter

Das Schiff der Pfarrkirche war in warmes goldenes Licht getaucht. Die Bankreihen waren zur Hälfte besetzt. Die Augen der Besucherinnen und Besucher spazierten über filigrane Stuckaturen und goldene Schnörkel, Heiligengesichter und Engelsfiguren. Der Kirchenschmuck korrespondierte mit der Musik, die im Gemeinschaftskonzert von Heinrich Gebert Kulturstiftung und Pfarrei St. Mauritius gespielt wurde: reich verziert, innig wie in Noten gegossene Gebete, überwältigend in ihrer Pracht, seelenvolle Melodien und tänzerisch verspielte.

Manche Zuhörer mögen auf das Orgelbrausen gewartet haben. Bachs Toccata ergriff erst in der Mitte des Konzerts die Gemüter. Roland Küng hat Motive aus dem weltberühmten Werk für sein Instrument, das Hackbrett weiterverarbeitet. Die Violine, von Clarigna Küng an diesem Abend brillant und expressiv gespielt, nahm den Rhythmus auf und führte das Trio zu einem lieblichen Tänzchen. Bachsches Orgelgewitter brach über sie herein, silberhelle Geigenmelodien schwangen obenaus. Schliesslich vereinten sie sich mit funkelnden Hackbrettkaskaden zum slawischen Tanz. Die Melange aus Heimatklang und imposanter Kirchenmusik war exemplarisch für das aussergewöhnliche Konzert. Die Zuhörer verharrten oft einen Moment entrückt, bevor sie begeistert applaudierten. Am Ende des Konzerts spendeten sie tosenden, lang anhaltenden Beifall, nach der Zugabe «Standing Ovations». Das Trio, hatte sich im Chorraum verbeugt und eilte nochmals auf die Orgelempore, um dem Publikum einen beschwingten Csárdás auf den Heimweg mitzugeben.

Hackbrettflirren

Begonnen hatte das Konzert nicht mit ­Orgelwucht, sondern mit einer herzbewegenden Geigenmelodie – ein winterliches Stimmungsbild – von Roland Küng. Clarigna Küng spielte sie allein im Chorraum, und während die Orgel summend wie «Gradhäbe» einstimmte und Hackbrettflirren in den Kirchenraum schwebte, begab sie sich zu ihren Mitmusizierenden auf die Empore. Das Trio schwang sich in den Jazzwalzer Nr. 2 von ­Dimitri Schostakowitsch ein – das zauberhafte Zusammenspiel war wie ein Versprechen. Das Publikum sollte eine spannende Klangreise erleben.

Vom ersten Ton an war die Musik nicht nur mit den Ohren, sondern mit dem ganzen Körper wahrnehmbar. Er schwang mit beim Schottisch von Emil Walser und in Anton Mosers «Ode» an die Sitter. Die exzellenten Musiker malten die Tondichtungen vielfarbig aus. Den typischen Appenzeller Stücke-Schluss gestalteten sie als anrührende Variante, als fliessendes Ausatmen. Variationen der ikonischen Schlussharmonien verstärkten auch die Impressionen von Roland Küngs Kompositionen. In dieser Darbietung war exemplarisch zu hören, was das Konzert ausmachte: Der versierte Organist, der sich in Chick ­Coreas spanischem Klanggemälde als grosser Improvisator und Jazz-Virtuose – solo und «con fuego» – zeigte, wusste wie Appenzeller Musik «funktioniert». Wo gewöhnlich der Kontrabass den Puls vorgibt, schufen dumpfe Orgel-Akkorde den Boden, wo sonst die Handorgel lustig trällert, flöteten die Orgelpfeifen – ohne aufzutrumpfen oder die zarten Saitenklänge zu überrollen. Das Zusammenspiel der Drei war grossartig. Allen Instrumenten wurde gebührend Raum zur Entfaltung für glänzende Auftritte gelassen.

Violinenschnörkel

Ein besonderes Erlebnis war das Solo der Violinistin: Clarigna Küng hat, inspiriert von einer Chaconne von Johann Sebastian Bach, experimentiert. «Die Improvisationen handeln von Gefühlen der Liebe, von Zuneigung, über Angst und Hingabe bis Wut», erklärte sie. Allein stand sie vor dem Altar. Stark und mutig erschien sie, als sie die Strophen ihres Klanggedichts in den Raum schickte, dazu mit ihrer warmen erdigen Stimme Naturtonmelodien formte – eine Meditation über zitternde Herzen, innige Liebe und verzehrende Leidenschaft.

Die Idee zum Konzertabend gemeinsam mit den monatlich stattfindenden Ringofenkonzerten stammte vom Hauptorganisten in der Pfarrkirche, Jürg Schmid. Aus gesundheitlichen Gründen konnte er das Programm nicht selbst spielen. Er liess sich den Konzertbesuch aber nicht nehmen und genoss mit den Mitwirkende den anschliessenden Apéro auf dem Kirchenplatz. Für ihn eingesprungen ist der Kantor und Organist in St. Nikolaus in Friedrichshafen, der Chorleiter, Konzertreihenveranstalter und Hammondvirtuose Nikolai Geršak. Dass das Konzert derart fulminant ausfiel ist der Meisterschaft der Mitwirkenden zu verdanken. In wenigen kurzfristigen Proben haben sie das Programm, angepasst an die neue Situation, gestaltet: eine Melange aus heimischen Volksmusikklängen, Klassikzitaten, Weltmusik und Jazz. Roland Küng hat die eigenen und anderen Kompositionen für die aussergewöhnliche Besetzung arrangiert. Die Zuhörer waren betört von den feinziselierten Passagen und vom Bad in den Klangwogen. Sie erlebten ein bewegtes und bewegendes Konzert im buchstäblichen Sinn.

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