Maria Antonia Räss beflügelte die Fantasie

Schriftstellerin Margrit Schriber, ihr Verleger Ricco Bilger und Kulturvermittlerin Agathe Nisple präsentierten im Hotel Hof Weissbad den Roman «Die Stickerin». Der Roman handelt von Maria Antonia Räss, einer Eggerstandnerin, die vor knapp hundert Jahren in Amerika nach den Sternen griff.

  • Landamman Roland Inauen erzählte in seiner Begrüssungsansprache aus der Geschichte der Innerrhoder Handstickerei. (Bild: Monica Dörig)

    Landamman Roland Inauen erzählte in seiner Begrüssungsansprache aus der Geschichte der Innerrhoder Handstickerei. (Bild: Monica Dörig)

  • Schriftstellerin Margrit Schriber erhielt anlässlich der Buchvernissage im Hotel Hof Weissbad viel Applaus für ihren jüngsten Roman

    Schriftstellerin Margrit Schriber erhielt anlässlich der Buchvernissage im Hotel Hof Weissbad viel Applaus für ihren jüngsten Roman "Die Stickerin". (Bild: Monica Dörig)

  • Die szenische Lesung von Karin Enzler mit Musik des

    Die szenische Lesung von Karin Enzler mit Musik des "Appenzeller Echo" wurde im ersten Saal aufgeführt und aufgrund des grossen Andrangs in den zweiten Saal live übertragen. (Bild: Monica Dörig)

  • Karin Enzler hat aus Fragmenten des neuen Romans von Margrit Schriber,

    Karin Enzler hat aus Fragmenten des neuen Romans von Margrit Schriber, "Die Stickerin", eine viel gelobte szenische Lesung erarbeitet. (Bild: Monica Dörig)

  • Margrit Schriber hatte viel zu tun: Nach der szenischen Lesung signierte sie stapelweise Exemplare ihres Romans

    Margrit Schriber hatte viel zu tun: Nach der szenischen Lesung signierte sie stapelweise Exemplare ihres Romans "Die Stickerin". (Bild: Monica Dörig)

Die Geschichten um «Miss Räss» hat Schauspielerin Karin Enzler filmreif in Szene gesetzt mit dem Soundtrack des «Appenzeller Echo». Und die Gäste drängten sich bis vor die Türen der beiden Säle im Seminarhaus. Das Organisationsteam der aussergewöhnlichen Buchpräsentation hat die Lesung zum am 13. März erschienen Roman «Die Stickerin» im einen Saal auf der Bühne inszeniert und live auf den grossen Bildschirm im anderen Saal übertragen.

Gegen 400 Personen lauschten gebannt und entzückt den Ansprachen von Landammann Roland Inauen und Verleger Ricco Bilger im Gespräch mit Autorin Margrit Schriber, der Musik des «Appenzeller Echo» und vor allem der Inszenierung von Karin Enzler. Sie hat in aufwendiger Arbeit Passagen aus dem Roman von Margrit Schriber in Schriftsprache ausgewählt und vorgetragen oder in Mundart (weiter-)erzählt, teilweise von Musik untermalt und alten Fotografien aus dem Nachlass Maria Antonia Räss (1897–1980) begleitet.

Innerrhoder Legende

Dazwischen sang die Schauspielerin, die in Meistersrüte aufwuchs, ihre eigenen Mundart-Chansons, die passten als hätte sie sie für die szenische Lesung komponiert. In die erfundenen Geschichten hat Margrit Schriber die reale Biografie eingestickt. Durch die Inszenierung wurde sie lebendig. Alle Akteurinnen und Akteure des Buchprojekts erhielten sehr viel herzlichen und sehr begeisterten Applaus. Die Gäste aus nah und fern haben einen unvergesslichen Nachmittag erlebt, der Erinnerungen weckte, angeregte Diskussionen beim Apéro auslöste über Frauenschicksale und Textilgeschichte und die Fantasie beflügelte.

Räss ist eine Innerrhoder Legende, die zwischenzeitlich fast vergessen ging. Die junge Schaustickerin zog nach Amerika, wo sie ein Broderiegeschäft eröffnete und zu Wohlstand und illustren Freunden und Freundinnen kam. Sie verschaffte Inner­rhoder Handstickerinnen über Jahre Aufträge. Für den Neubau der Kirche Egger­standen spendete sie mehrere Hunderttausend Franken. Es gibt einige Leerstellen in ihrer Biografie, die Margrit Schriber mit Fantasie, fiktiven Briefen und spannenden Figuren gefüllt hat.

Die Laufbahn des Mädchens aus einer armen Bauernfamilie vom «Grüt» zur Unternehmerin und reichen Tante aus Amerika «hat unsere Fantasie beflügelt», erinnerte sich Roland Inauen. Räss reiht sich ein in die Gilde der talentierten und geschäftstüchtigen Stickerinnen, die mit der Handstickerei zum Einkommen der Innerrhoder Familien massgeblich beigetragen haben. Von der Landwirtschaft konnten die wenigsten gut leben. «Die Geschichte der Stickerinnen ist extrem wichtig für unseren Kanton. Es gab Zeiten da wurde in jedem Haushalt gestickt: Von 6000 Frauen und Mädchen stickten um die vorletzte Jahrhundertwende 3000 gewerbsmässig.»

Talentiert und mit Geschäftssinn

Die Frauen brachten das Kunsthandwerk in die Nobelkurorte und in die Welt – wie Maria Antonia Räss und vor ihr schon Josefa Fritsche-Koch (1864–1949) und andere. Jährlich waren zur Hochblüte 200 Schaustickerinnen dort anzutreffen wo die Wichtigen und Reichen flanierten von Malmö bis Neapel, von Budapest bis London.

Schon bevor MAR – so ihr berühmtes Logo – ihr Textilimperium in New York gründete, gab es Innerrhoder Geschäfte in St. ­Moritz, San Remo und Rom. An der Weltausstellung in Paris 1889, als der Eiffelturm eingeweiht wurde, hatten die Stickerinnen ein eignes Chalet. Zur besten Zeit, als sie die Aussteuer für gekrönte Häupter verzierten, kostete ein besonders kunstvoll besticktes Mouchoir 500 Franken – «viel Geld damals, das nur die Allerreichsten ausgeben konnten», erzählte Roland Inauen. «Die Herrlichkeit war mit dem ersten Weltkrieg zu Ende.»

Die Geschäfte von Räss florierten noch lange, dank ihrem ausgeprägten Geschäftssinn und dem Auslagern der Handarbeit nach Asien und dem Import von Stickereien aus China. 1973 wurde die Broderie im Rockefeller Center aufgelöst. «Miss Räss» hierzulande und in Übersee inzwischen eine Legende, kehrte in ihre Heimat zurück, wo sie ihre letzten Lebensjahre im Altersheim Gontenbad verbrachte. Sie bekam einen Grabstein in Form eines Taschentuchs, der längst verschwunden ist. Roland Inauen ist begeistert, mit dem Roman «Die Stickerin» habe Maria Antonia Räss nun ein bleibendes Denkmal erhalten.

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