«Especita»-Angebot ist gefragter denn je

Einmal wöchentlich können finanziell benachteiligte Menschen, die in Innerrhoden leben, im Especita-Laden eine Einkaufstasche voll mit Lebensmitteln beziehen. Dieses Angebot wird einerseits von der Kirche und der Schweizer Tafel getragen, lebt aber vor allem vom Engagement von knapp 20 freiwilligen Helferinnen und Helfern.

  • Dorothee Takkal und Azad, ein zuverlässiger Helfer, portionieren die Lebensmitteleingänge so, damit es für 120 Einkaufstaschen reicht. (Bilder: Rosalie Manser)

    Dorothee Takkal und Azad, ein zuverlässiger Helfer, portionieren die Lebensmitteleingänge so, damit es für 120 Einkaufstaschen reicht. (Bilder: Rosalie Manser)

  • Maria Dörig hat für die Taschenbeschriftung ein selbsterklärendes System mit unterschiedlichen Farben und Symbolen konzipiert.

    Maria Dörig hat für die Taschenbeschriftung ein selbsterklärendes System mit unterschiedlichen Farben und Symbolen konzipiert.

  • Luzia Neff packt seit der Especita-Gründung fast jede Woche tatkräftig mit an.

    Luzia Neff packt seit der Especita-Gründung fast jede Woche tatkräftig mit an.

Jeden Freitagmittag geht im Erdgeschoss an der Sonnhalde 2 in Appenzell ein emsiges Treiben los. Aus dem Lieferwagen der Stiftung «Schweizer Tafel» werden Kisten mit Gemüse, Brot, Früchten oder Fleisch entladen. Die Waren stammen von Detailhändlern aus der Region, welche die Produkte nicht mehr verkaufen können. Azad, ein treuer und zuverlässiger Asylbewerber, trägt die Kisten in verschiedene Räume, wo sie freiwillige Helferinnen entgegennehmen, auspacken und gegebenenfalls portionieren. Ein eingespieltes Team unter dem Namen «Especita» stellt hier jede Woche Taschen voller Lebensmittel für Bedürftige zusammen.

Appenzellische Direkthilfe

Dreh- und Angelpunkt von Especita ist Maria Dörig aus Steinegg. Vor über zehn Jahren rief sie zusammen mit einer Handvoll weiterer Initiantinnen und Initianten dieses Angebot ins Leben. «Wir wollten finanziell benachteiligten Personen direkt helfen. Die Arbeitsstelle Kirche und Soziales der Seelsorgeeinheit Appenzell sowie die Schweizer Tafel unterstützen uns dabei», so die pensionierte Kindergärtnerin. Mit «uns» meint Maria Dörig ihre 15 bis 20 Helferinnen und Helfer mit dem vierköpfigen Leitungsteam, die Woche für Woche unentgeltlich dafür sorgen, dass die Taschen voller Lebensmittel bereitstehen und an Bedürftige verteilt werden können. Zwei dieser treuen Seelen sind Dorothee Takkal und Luzia Neff. Die Appenzellerinnen packen fast jeden Freitagnachmittag tatkräftig für Especita mit an. «So können wir, die wir auf der Sonnenseite des Lebens stehen, anderen, die weniger Glück haben, etwas Kleines zurückgeben», fasst Dorothee Takkal ihre persönliche Motivation für ihr Engagement zusammen. Es seien aber auch die Begegnungen mit den Menschen mit all ihren unterschiedlichen Kulturen und Lebensstilen, welche sehr bereichernd seien, ergänzt Maria Dörig. Neben ihr und Dorothee Takkal gehören auch Susann Inauen und Marianne Burgos zum ehrenamtlichen Leitungsteam.

Unterschiedliche Essgewohnheiten

Das Especita-Team versucht wo immer möglich auf die ethnische Vielfalt der Kundinnen und Kunden einzugehen. So werden sprachliche Hürden kurzerhand umgangen, indem die Säcke mit unterschiedlichen Farben und Symbolen gekennzeichnet sind. Ein kleines Säuli auf dem Etikett weist darauf hin, dass in diese Tasche kein Schweinefleisch gepackt werden soll. Die Farben zeigen indessen an, in welcher Unterkunft die jeweiligen Bezüger leben. Auch die Anzahl der Personen, für welche die Tasche gedacht ist, wird vermerkt. «Beim Abfüllen müssen wir uns ziemlich konzentrieren, dass wir alle in etwa gleich berücksichtigen», hält Maria Dörig fest. Das ist nicht immer ganz einfach, denn wieviel Brot oder Früchte von der Schweizer Tafel angeliefert werden, variiere von Woche zu Woche, erzählt Dorothee Takkal. «Dass die kulturelle Prägung untrennbar mit den Essgewohnheiten verknüpft ist, zeigt sich bei uns sehr anschaulich. Syrische und eritreische Bezügerinnen und Bezüger backen beispielsweise ihr Brot lieber selber und kaufen bei uns gerne Mehl zu vergünstigen Konditionen ein. Im Gegenzug sind beispielsweise Spargeln für dieses Ethnien völliges Neuland. Hier greifen nun ukrainische Landsleute gerne zu.»

Stark wachsende Nachfrage

Das Especita-Angebot ist aufgrund des Ukraine-Kriegs gefragter denn je. Waren es zuvor 70 Säcke, sind es aktuell deren 120, die von der Organisation wöchentlich gefüllt und abgegeben werden. Zum Lebensmittelbezug berechtigt sind alle Menschen, die in Innerrhoden in schwierigen finanziellen Verhältnissen leben. Die Einkaufskarten für den Especita-Laden können bezogen werden beim Sozialamt, der Arbeitsstelle Kirche und Soziales oder beim evangelischen Pfarramt in Appenzell.

Stolz und Schamgefühle

Schätzungen zu Folge leben in Innerrhoden rund 1000 Personen am Existenzminimum. Folglich nutzt nur ein Bruchteil von ihnen das Angebot der Lebensmittelabgabe. «Es ist wohl eine Frage des Stolzes und der Scham, welche die armutsbetroffenen Appenzellerinnen und Appenzeller lange davon abhält, Sozialleistungen zu beanspruchen», vermutet Fredy Bihler, Stellenleiter Soziales der Seelsorgeeinheit Appenzell und offizielle Especita-Ansprechperson. Der Especita-Laden an der Sonnhalde 2, beim Spital Appenzell, ist jeweils freitags von 15.30 bis 17 Uhr geöffnet.

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