Eindrucksvoll bestandene Herausforderung

Am vergangenen Samstagabend kam man in der reformierten Kirche Rehetobel in den Genuss eines aussergewöhnlichen Konzertereignisses. Das Ensemble Onyx interpretierte die neunte Sinfonie von Gustav Mahler in einer für Kammerorchester geschriebenen Bearbeitung von Klaus Simon.

  • Das Ensemble Onyx bei den vorbereitenden Proben in der Kirche Rehetobel. (Bild: Anita Kast)

    Das Ensemble Onyx bei den vorbereitenden Proben in der Kirche Rehetobel. (Bild: Anita Kast)

Es mag unangebracht erscheinen, Meteorologisches in eine Konzertrezension einfliessen zu lassen. Aber für einmal ist es zu rechtfertigen. Der arge Wintereinbruch über das vergangene Wochenende hat wohl manche davon abgehalten, sich in die Kirche Rehetobel zu begeben. Wer dem Wetter trotzte, wird es bestätigen: Die Abwesenden haben wahrlich etwas verpasst.

Umstellungen nötig

Das Ensemble Onyx, in dem in der gegenwärtigen Zusammensetzung sieben Nationalitäten vertreten sind, bereitete dem Publikum in den anderthalb Stunden ein grossartiges Konzerterlebnis, ermöglicht durch die Lesegesellschaft Dorf als Veranstalterin. Es liess sich auch von den Schwierigkeiten bei der Vorbereitung auf das Konzert nicht beirren.

Auf drei Positionen mussten kurzfristig Umbesetzungen vorgenommen werden, wie Dimitri Ashkenazy aus dem Ensemble schilderte. Negativ ausgewirkt hat sich das aber keineswegs: Hochprofessionell gingen die Musikerinnen und Musiker mit der veränderten Situation um.

Skepsis schnell verfolgen

Eingestandenermassen ging dem Konzertbesuch eine gewisse Skepsis voraus. Wie soll eine 16-köpfige Formation einem Werk gerecht werden können, das – ganz in Mahler’scher Manier – im Original eingerichtet ist für vier- bis fünffaches Holz, vier Hörner, drei Trompeten, drei Posaunen, Tuba, Pauken und Schlagwerk, zwei Harfen und üppig besetzte Streicherregister? Doch schon nach den ersten Takten waren die Vorbehalte verflogen. Was man zu hören bekam, bewegte sich verblüffend nahe am Original. Das Ensemble brachte ein Volumen zustande, wie man das kaum für möglich gehalten hätte. Das im ersten Satz, einem rund halbstündigen Andante, in den Vordergrund tretende Wechselspiel zwischen ruhigen Passagen und eruptiven Ausbrüchen gedieh in seiner adäquaten Wiedergabe zum eindrücklichen Klanggefüge. Lässt sich in dieser Musik nicht auch erahnen, wie es in der Seelenlandschaft Mahlers ausgesehen haben mag?

Musik nahbar gemacht

In eine andere musikalische Richtung schwenkt Mahler im zweiten Satz ein. Als «Im Tempo eines gemächlichen Ländlers» überschrieben, enthält er sowohl tänzerische Elemente, greift aber auch aus in Ironie und grotesken Humor. Dem von Mahler verlangten Derben und Täppischen wurde das Ensemble Onyx in fabelhafter Weise gerecht.

Als der rastlos Suchende, als der er durchs Leben ging, begegnen wir Mahler im dritten Satz (Rondo-Burleske). Das ist Musik, die förmlich auf einen einstürzt. Dem Ensemble gelang es, die Intentionen des Komponisten irgendwie nahbar erscheinen zu lassen, sie fassbar zu machen.

Unvergleichlicher Schluss

Und dann dieser Ausklang der Sinfonie! Im abschliessenden Adagio betritt man eine anders geartete Klangwelt. Letzte Sätze münden ja in aller Regel in wuchtige Schlusstakte. Mahler geht den umgekehrten Weg, hinein ins Feierlich-Mystische, das er immer mehr zurücknimmt bis ins äusserste Piano. Kaum noch hörbar entschwinden die Töne. Als Musik des Abschieds werden sie gedeutet. Man muss es erlebt haben, wie das Ensemble Onyx das Finale mit inniger Empfindung bis zum letzten Hauch umsetzte – ein grossartiger Moment.

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  • (Symbolbild: fotolia)

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