Bewegender Tango Nuevo auf dem Ringofen

Perlen aus den über 300 Tangos des Komponisten Astor Piazzolla verliehen dem Klangraum auf dem Ringofen in der Kunsthalle Appenzell argentinisches Flair. Vom Septett «676 Nuevo Tango» brillant interpretiert begeisterten die «Homenajes» an Piazzollas Mitmusiker, an Städte und an das Bandoneon.

  • Das Septett «676 Nuevo Tango» mit  Michael Zisman (zweiter von rechts) brachte Perlen aus dem Werk Astor Piazzollas zu Gehör.(Bilder: Monica Dörig)

    Das Septett «676 Nuevo Tango» mit Michael Zisman (zweiter von rechts) brachte Perlen aus dem Werk Astor Piazzollas zu Gehör.(Bilder: Monica Dörig)

  • Michael Zisman ist ein begnadeter Bandoneon-Virtuose.

    Michael Zisman ist ein begnadeter Bandoneon-Virtuose.

Die zwanzigtönige Knopfharmonika trat einst ihren Siegeszug aus Deutschland nach Südamerika an. Während das mit dem Schwyzerörgeli verwandte Instrument in Europa in Vergessenheit geriet, wurde das Bandoneon in Argentinien als Hauptakteurin der Tangomusik zum Nationalinstrument.
Der alte Tango Argentino war aus vielerlei Einflüssen entstandene Tanzmusik, um eng umschlungen in Sehnsüchten und Heimweh zu schwelgen. Migranten aus aller Welt haben die Zutaten dazu in die südamerikanische Hafenstadt mitgebracht: eine musikalische Melange voller Leidenschaft, Geschichten und Melancholie.

Der Bandoneonspieler Astor Piazzolla (1921-1992) mit italienischen Wurzeln war in den Fünfzigerjahren von Buenos Aires nach Paris gezogen, um der Tango-Tradition den Rücken zu kehren und klassische Komposition zu studieren. Seiner Lehrerin, der grossartigen Nadia Boulanger (1887-1979), haben wir zu verdanken, dass er sich auf seine Wurzeln besann, sie neu dachte und basierend auf den traditionellen Strukturen in seine unverkennbare Sprache übersetzte: Tango Nuevo – Musik, in der Liebesgeschichten und tragische Schicksale in neuen Klang verwandelt werden. Violinsaiten knarzen wie ein traditionelles Rhythmusinstrument; auf den Körpern von Cello und Bass wird auch der Herzschlag getrommelt, Geigen seufzen und singen, klagen und tirilieren; Gitarrenharmonien wogen, Bassrhythmen treiben vorwärts und Staccati und Pizzicati den Puls in die Höhe; und aus dem einfachen Bandoneon sprudelt eine ungeahnten Klangfarbigkeit. Die avantgardistische, nicht zum Tanzen erdachte Musik war in der Heimat lange verpönt. Der Tango Nuevo trat jedoch einen unaufhaltsamen Siegeszug in die Welt an.

Mit der Muttermilch verabreicht

Fiebrige Stimmungen, forsche Tanzschritte und wehmütige Träume werden im Tango Nuevo körperlich spürbar. Zumal wenn Piazzollas komplexe Tongedichte so virtuos und mit so starker Ausdruckskraft interpretiert werden, wie es die sieben Musiker von «676 Nuevo Tango» tun. Für manche Gäste im voll besetzen Konzertsaal der Kunsthalle Appenzell ging am Freitag ein Wunsch in Erfüllung: Vater und Sohn Zisman live erleben. Daniel Zisman, der die Formation vor 25 Jahren gegründet hat, kannte Astor Piazzolla persönlich und hat sich in den Sechzigerjahren dessen damals revolutionären Musik verschrieben. Sein Sohn Michael Zisman darf als einer der fulminantesten Bandoneonspieler bezeichnet werden. Als er aufwuchs waren zuhause viele grosse Tangomusiker zu Gast. Er hat den Tango Nuevo quasi mit der Muttermilch verabreicht bekommen und sich für das prägende Instrument entschieden. Er spielt es, als sei es – obwohl mit Abstand zum Körper auf dem rechten Knie balanciert – ein Teil von ihm, als atme er mit dem Balg. Seine Technik und seine Emotionalität sind berückend.

Algunas homenajes

Er führte nonchalant in Berner Dialekt durch das Programm, das aus lauter Würdigungen bestand. Es wurden eine Liebeserklärung an Paris, eine elegische Hymne an Cordoba und ein Loblied auf den Sommer in Buenos Aires gespielt, Hommages an Mitmusiker von Astor Piazzolla und an die «Tristeza» (Traurigkeit) des Bandoneons «de un Doble A». Das Publikum erlebte einen Klangrausch, bestehend aus Kompositionen von Piazzolla, die zwar weniger oft gespielt werden als die ikonischen «Oblivion», «Muerte del Angel» oder «Libertango», aber genauso voller wundersamer Melodien und dramatischer Wendungen sind. Das Repertoire von «676 Nuevo Tango» ermöglicht den Instrumentalisten strahlende Auftritte in Intros und Soli: neben Daniel Zisman mit seinem feinziselierten Geigenspiel und Michael Zisman, der dem Bandoneon sanfte Klagen und feurige Klangfontänen entlockt, brillierten mit seelenvollen Agieren der Pianist und langjährige Wegbegleiter Gerardo Vila, die Tango-Koryphäe am Kontrabass, Winfried Holzenkamp, Cellist Sébastien Singer, den das Abo-Publikum als ehemaliges Mitglied des Schweizer Klaviertrios kennt, und der E-Gitarrist Sébastien Fulgido. Sie machen Musik, die die Atmosphäre der Hafenstadt Buenos Aires, heraufbeschwört, die Körper mitvibrieren lässt und Sehnsüchte entfacht. Das Publikum war hingerissen und applaudierte frenetisch.

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