A Cappella zurück in Appenzell

Martin O. zaubert sich mit Klängen, Rhythmen und Poesie sowie einer starken, sympathischen Ausstrahlung in die Herzen der Zuhörer. Der A Cappella Chor Stimmmix überzeugt mit schönen Stimmen und präzisem, feinfühlig dirigiertem Gesang. Das Publikum ging schwärmend nach Hause.

  • Der Ostschweizer Chor Stimmmix eröffnete das A Cappella Festival Appenzell 2022. (Bilder: zVg)

    Der Ostschweizer Chor Stimmmix eröffnete das A Cappella Festival Appenzell 2022. (Bilder: zVg)

  • Webt mit seinem Symphonium Schicht um Schicht an seinem Klangteppich: Martin O.

    Webt mit seinem Symphonium Schicht um Schicht an seinem Klangteppich: Martin O.

Nach zwei Jahren war es am Donnerstagabend endlich wieder so weit, das A Cappella Festival Appenzell fand statt, der «Gringel» war gerammelt voll mit Aficionados und aufgestauter Lust auf Stimme ohne Instrumente. Oder besser gesagt, nach Stimmen, die Instrument sind und andere Instrumente vergessen lassen.

Den Auftakt machte Lukas Bolt mit Stimmmix, einem Chor aus rund 30 Sängerinnen und Sängern aus St. Gallen, Appenzell und Thurgau. Keine Profis, aber auch das vergass man sofort. Sie begannen ihren Auftritt denn auch nicht auf der Bühne, sondern im Publikum, wo sie den Wänden entlang aufgestellt den Psalm As the Deer anstimmten. Nicht den Wänden entlang wurde gesungen, sondern präzise, sensibel und mit spiritueller Inbrunst. Dann zog der Chor doch noch auf die Bühne und es folgten Kostproben aus dem Schweizer Liedgut, sowie ein Arrangement von Bolt selbst – «phänomenal, aber herausfordernd», wie ein Chormitglied selbst bezeugte. Selten hört man Laien-Chöre mit so guter Intonation und Modulation sowie schönen Stimmen, die es bis ins Publikum schaffen. Der Chor arbeitet projektbezogen, seine Vielfalt äussert sich nicht nur in den Songtexten verschiedener Sprachen, sondern auch in der Durchmischung des Chors. Gesungen wird auswendig, «um dem Maestro auf jeden Fingerzeig folgen zu können». Und das lohnt sich, wie man hören konnte. Ohrwürmer wie Take a Chance on Me von ABBA oder Don‘t stop Me Now von Queen fanden originelle Eigeninterpretationen und wärmten das Publikum auf. Den Schluss machte wieder ein Lied aus der Schweiz mit «Weisches dü» – unverkennbar aus dem Wallis. Auf der Seitenlinie wirkte bereits Martin O. mit und leitete quasi zu sich selbst über.

Ein Martin für alle

Als erstes imitierte Martin O. mit Stimme und Mic eine Art Zähneknirschen oder – klappern – und scherzte: Das A Cappella Festival hat Biss. Wie wahr: Spätestes von da an packte es die Zuschauer und liess sie nicht mehr los. Nach einer kurzen Einführung in sein Loopgerät, webte er bereits Schicht um Schicht an seinem Soundteppich, und mit jeder Schicht wuchsen die Glücksgefühle im Publikum. Die Inspiration für den ersten Song kann man in Zulu-Liedern orten, dann wieder im Jodel, die Worte erinnern an afrikanische Sprache, man verstand immer wieder «Afrika» – und dann plötzlich Appenzell. «It feels so good in Appenzell», weiss der Klangkünstler. Das Eis war längst gebrochen.

Martin O. stellt seine Band vor. Am Schlagzeug: Martin O., am Bass: Martin O., Trompete: raten Sie mal – genau: Martin O. Und auch an der E-Gitarre. Die Imitationen der Instrumente sind täuschend echt, aber etwas Anderes erwartet man gar nicht mehr. Sie ist die Grundlage dafür, was kommt: Geschichten, die ein moderner Troubadour erzählt. Loop um Loop wird aufgebaut, Stimme um Stimme, Stimmung um Stimmung – und die Erzählung beginnt.

Der Song «Shoppen vom Sofa aus» erinnerte an die Zeit, als die Hauseingänge unpassierbar waren vor lauter Bestellungen aus dem Internet – von denen eine Flut gleich wieder zurück zum Absender ging, wenn das bestellte Textil dann doch nicht sass. «In Mailand Prada, Dolce und Gabbana»– die Reime klingen nie hingebogen, sondern sitzen natürlich.

Ob Gischt, Möwen oder die Geräusche beim Schnorcheln und Tauchen – man hat wirklich das Gefühl, dort zu sein, dabei mit Martin O., mit ihm unter Wasser in dieser Tiefe und Stille, wo man alles oben zurücklässt, wo «alles, was oben wichtig, du weisst schon … ein Lachen ist. Oh, ein Clownfisch.» Man hört im Hintergrund ein feines Traben – natürlich, ein Seepferdchen.

Achtung, hier werden Sie glücklich

Was das Publikum zu hören bekam, waren Musik und Erzählungen mit Glücksgarantie, und doch viel mehr als das: Auch wer sonst mit A Cappella nicht viel anfangen kann, ist nach kürzester Zeit fasziniert vom Ideenreichtum und von der präzisen Umsetzung, den süffigen Harmonien, vor allem aber von der Phantasie und Poesie, die Martin O. auf die Bühne zaubert, nicht zuletzt mit spontanen Einfällen. Seine Ideen und Texte sind bodenständig-konkret und surreal zugleich und erzeugen eine ganz eigene Schwingung. Hinter ihnen ist eine Beobachtungsgabe am Werk, die ein wenig an die von Kindern erinnert: sie überrascht und macht dann aber sofort Sinn, ihren eigenen Sinn. Zum Beispiel die zwei Bühnenleuchten, die sich voneinander abgewandt hatten und nicht mehr anleuchteten, und für die er sich ein Liebeslied ausgedacht hat, angelehnt an Mani Matters «Sidi Abdel Assar vo el Hama», Version «Muezin Martin», inklusive Hall vom Minarett-Megaphon und den typischen Tremoli in der Stimme, dazu schwere orientalische Rhythmen. Dass es Martin O. um das Glück zu tun ist, brachte er in «Loses üs doch schön ha» auf den Punkt. Ein frommer Wunsch, nicht nur in Zeiten von Krieg in Europa, naiv? Nein, denn die Leute im Saal hatten es gerade sehr schön. Und auch das ist Aufgabe und Recht der Kunst.

Teil seines Erfolgs ist sicher auch die starke, aber nicht egomanische, sondern sympathische Bühnenpräsenz – he owns the place. Setzt Martin O. zu einer neuen Erzählung an, lauscht das Publikum gebannt, denn es will mehr, mehr von diesen Klängen, die etwas süchtig machen. Mein Nachbar sagte zu einer Frau: «Ich habe das Gefühl, man könnte ewig zuhören.» Martin O. erfüllte den Wunsch, es ging weiter mit einem Volkslied, zu dem er vier Freunde eingeladen hat. Klar, wer die vier Freunde sind, es kommt nämlich niemand. Martin O. beginnt mit «Lueget vo Berg und Tal», überlagert von «Isch mir alles eis Ding», Schweizer Nationalhymne und wunderschön gesungenem Jodel. Auch seine Stimme vermag zu betören, was er immer wieder, aber ganz besonders gegen den Schluss mit einem elfenartiger Kopfstimme in einem Song bewies, der als Elektro geboren wird und dann mühelos zu einer Art Old Style Rap à la Run DMC mutiert.

Meister seines eigenen Fachs

Der Ostschweizer mit bürgerlichem Namen Martin Ulrich ist ein Meister seines Fachs, das merkt man innert Sekunden – wie auch immer man sein Fach bezeichnen will. Klangkünstler? Slam-Poet? Sänger? Komiker? Martin O. entgleitet herkömmlichen Einteilungen – und das ist ihm wohl auch recht so. Ihm geht es um das Erzählen von Geschichten mit seiner Stimme, die Worte sein kann oder Klänge, die er mit seinem dämonischen Symphonium herstellt, das er mit der Virtuosität eines Domorganisten bespielt und mit seiner Stimme «beschichtet». Und immer wieder hat man das Gefühl, es geht ihm immer noch einfach darum, die Klänge, die er ihm entlockt, selbst zu geniessen, dass er selbst süchtig danach ist.
Als letzten Nummer standen auch Stimmmix wieder auf der Bühne für «Don’t Worry Be Happy» von Bobby McFerrin. Keine Angst, happy waren schon alle.

5
8

Weitere Artikel

Schreibe einen Kommentar