gemeinde_herisau_logo

Zwischen Rückkehr ins Kriegsgebiet und Neuanfang in Herisau

Im März kamen die ersten Flüchtlinge aus der Ukraine nach Herisau. Nach anstrengenden Monaten beruhigt sich die Lage für Kanton und Gemeinde. Die Beratungsstelle für Flüchtlinge blickt auf eine turbulente Zeit zurück und zeigt aktuelle Herausforderungen auf.

  • Kinderlose oder ältere Ukrainerinnen betreuen die ukrainischen Kinder. (Bild: gk)

    Kinderlose oder ältere Ukrainerinnen betreuen die ukrainischen Kinder. (Bild: gk)

Auch nach sieben Monaten ist kein Kriegsende in Sicht. Als Russland die Ukraine angriff, flüchteten Millionen von Menschen aus ihrer Heimat – und einige von ihnen kamen nach Herisau. In den ersten acht Wochen nach Kriegsbeginn nahm die Gemeinde 170 Personen auf. Bei 90 Prozent handelte es sich um Frauen und Kinder. Sie mussten untergebracht, betreut und finanziell unterstützt werden. «Mittlerweile haben sie sich vom ersten Schock erholt und sind hier angekommen», sagt Yvonne Varan, Bereichsleiterin der Beratungsstelle für Flüchtlinge. «Sie sind sehr dankbar, dass sie hier Zuflucht gefunden haben und in einem Land sind, in dem ihre Kinder sicher sind.»

30 Prozent sind zurück in die Ukraine
Die Verunsicherungen und Ängste bei den geflüchteten Familien sind nach wie vor zu spüren. «Viele stammen aus angegriffenen Städten. Sie mussten ihre Männer zurücklassen und aus zerbombten Häusern fliehen», erklärt Varan. «Und obwohl sie sich hier sicher fühlen, sind sie mit dem Kopf in der Ukraine und darauf ausgerichtet, in ihre Heimat zurückzukehren – auch wenn sie nicht wissen, was sie erwartet.» Mittlerweile sind rund 30 Prozent der in Herisau aufgenommen Flüchtlinge wieder in der Ukraine. Die Bereichsleiterin spricht denn auch von einer ersten Phase der Normalisierung, die nun eintritt. «Es gibt Familien, die zurückkehren, und jene, die sich hier immer besser und selbstständiger zurechtfinden.»

Für die Flüchtlinge, die nach wie vor in Herisau leben, hat sich ein gewisser Alltag eingestellt. «Einige beschäftigen sich zwangsläufig damit, ob ihre mittelfristige Zukunft nicht doch hier liegt», sagt Varan. «Diese Realität versuchen wir ihnen zu vermitteln. Dies verlangt jedoch eine vollständige Integration: Deutsch lernen, einer Arbeit nachgehen, sich an unsere Gepflogenheiten halten.» Dieser Integrationsprozess läuft auf verschiedenen Ebenen. So besuchen die Kinder eigens eingerichtete Schulklassen, für die Erwachsenen stehen Deutschkurse zur Verfügung und die Familien werden an gesellschaftliche Normen wie Pünktlichkeit herangeführt.

Grosse Unterstützung aus der Bevölkerung
Die ersten Wochen nach Kriegsbeginn stellten Kanton, Gemeinde und Beratungsstelle vor grosse Herausforderungen. In wenigen Tagen mussten Wohnungen angemietet, Gastfamilien gesucht und Finanzierungsfragen geklärt werden. «Es war ein Ausnahmezustand, den wir nur dank der Mithilfe aus der Bevölkerung bewältigt haben», sagt Varan. «Diese Solidarität zu spüren und zu sehen, was wir alle gemeinsam erreichen können, erfüllt mich mit Freude.» Viele Privatpersonen stellten leere Wohnungen zur Verfügung oder nahmen Flüchtlinge bei sich zu Hause auf. Mittlerweile gibt es nur noch vereinzelte Ukrainer, die bei solchen Gastfamilien statt in eigenen Wohnungen untergebracht sind. «Das war unser Ziel, denn langfristig verlangen diese private Unterbringungen viel Energie und Entgegenkommen», so Varan.

Ukrainekrieg verändert auch die Beratungsstelle
Die Beratungsstelle selbst hat sich durch die gemachten Erfahrungen nachhaltig verändert. Das Team musste aufgestockt und es mussten neue Strukturen aufgebaut werden. So betreuen beispielsweise kinderlose oder ältere Frauen die ukrainischen Kinder, damit deren Mütter die Deutschkurse besuchen können. «Und wir arbeiten stärker in Gruppen», erklärt Varan. «Diese Menschen teilen ähnliche Erfahrungen und sprechen dieselbe Sprache – sie können sich gegenseitig unterstützen.» Dies unterscheide die ukrainischen Flüchtlinge von anderen Staatsangehörigen. «Bei vielen Flüchtenden handelt es sich um alleinstehende Männer. Die können wir zwar enger begleiten, aber dafür sind sie allein hier – ohne Familie.» Für die nächsten Wochen hofft Varan, dass alle Flüchtlingsgruppen wieder gleich betreut werden können. «Während Monaten mussten wir uns anhand der Umstände ausschliesslich auf die ukrainischen Flüchtlinge konzentrieren. Nun wollen wir zurück zu einer gesunden Balance.»

Eine Publikation der Gemeinde Herisau.

Weitere Artikel

Schreibe einen Kommentar