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Todestag 6. Juli: Herisauer war der erster Bundeskanzler der modernen Schweiz

Johann Ulrich Schiess wirkte massgeblich an der Bundesverfassung von 1848 mit und war 33 Jahre lang Bundeskanzler. Am 6. Juli jährt sich sein Tod zum 140. Mal.

  • Schiess‘ Totenmaske im Einwohnerratssaal. (Bild: gk)

    Schiess‘ Totenmaske im Einwohnerratssaal. (Bild: gk)

Mit der Mediationsverfassung 1803 wird die Schweiz ein Staatenbund, Vertreter der Kantone beraten in der Tagsatzung unter dem jährlich wechselnden Landammann. Die Kanzlei mit Staatsschreiber und Kanzler wird Kern der neuen Verwaltungsbehörden. Nach den bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen des Sonderbundskriegs entsteht schliesslich die neue Verfassung der Schweiz von 1848. Dieses Ereignis jährt sich heuer zum 175. Mal.

Überraschende Wahl zum Kanzler der Eidgenossenschaft
Dies ist der Anlass um auf jenen Herisauer Bürger zu schauen, der der erste Bundeskanzler der neuen Eidgenossenschaft war. Noch während der Sonderbundskrise wurde Johann Ulrich Schiess als Gegenkandidat zum damaligen Amtsinhaber August von Gonzenbach zum Staatsschreiber der Eidgenossenschaft gewählt, obwohl er gar nicht kandidiert hatte.

Geboren wurde Johann Ulrich Schiess 1813 in Wald/AR, weil sein Vater Adrian Schiess dort zu dieser Zeit als reformierter Pfarrer tätig war. Ein Jahr später siedelte Familie Schiess nach Langrickenbach im Thurgau über. Von 1829 bis zu seinem Tod 1841 hatte Vater Adrian Schiess dann die zweite Pfarrerstelle in Herisau inne. Johann Ulrich war das fünfte Kind nach vier früh verstorbenen. Die 1816 geborene Anna (+1877) und der 1821 geborene Johann Adrian (+1856) waren seine Geschwister, die das Erwachsenenalter erreichten. Als Johann Ulrich 14-jährig war, verloren die Kinder ihre Mutter. Bald danach zog es die Familie wieder nach Herisau.

Johann Ulrich Schiess zog für seine Bildung fort. Er studierte Jura, Geschichte und Philosophie in Basel, Jena, Berlin und Göttingen und promovierte 1835 mit 22 Jahren zum Dr. phil. Noch im gleichen Jahr wurde er im Kanton Appenzell Ausserrhoden als Archivar und anschliessend als Verhörrichter (1836–1839) und Ratsschreiber (1839– 1847) tätig.

Zum ersten Bundeskanzler gewählt
1848 wählte die Tagsatzung Johann Ulrich Schiess zum ersten eidgenössischen Kanzler, von der neu gegründeten Bundesversammlung wurde er mit 121 von 124 Stimmen im Amt bestätigt, was seine Akzeptanz über die Parteigrenzen hinweg zeigt. Im Frühjahr 1848 führte er das Protokoll der 23-köpfigen Kommission, die in nur zwei Monaten die Verfassung für die moderne Schweiz erarbeitete.

Schiess kam um 5 Uhr morgens ins Büro und arbeitete oft bis tief in die Nacht. So vermerkt es die Bundeskanzlei in der online verfügbaren Kurzbiografie. Er führte seine Untergebenen straff, wie es damals
üblich war. Unzählige, teils amüsante Details zu seiner Tätigkeit lassen sich seinem ab 1850 geführten Tagebuch entnehmen. Dieses wird derzeit auf Initiative von Heidi Eisenheut, Leiterin der Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden, im Rahmen eines Citizen-Science-Projekts entschlüsselt.

Totenmaske im Ratssaal des Gemeindehauses
Johann Ulrich Schiess erhielt 1862 den Ehrendoktortitel der Universität Jena, zuerkannt «[…] dem in Amtsgeschäften erfahrensten Mann, dem überaus starken Hüter helvetischer Freiheit». 33 Jahre lang prägte Schiess das Amt des Bundeskanzlers mit seiner Persönlichkeit. Nach seinem Rücktritt mit 68 Jahren 1881 wurde er für seinen Kanton in den Nationalrat gewählt. Auf dem Weg zu einer Session erlag Schiess am 6. Juli 1883 einem Hirnschlag.

Erst nach dem Tod seiner Tochter, die die Totenmaske verwahrt hatte, kam diese zurück nach Herisau. In den Gemeinderatsprotokollen vom 10. April und 21. Mai 1928 wird die Mitteilung der Stadtkanzlei Bern diskutiert. Johann Ulrich Schiess‘ Tochter Hedwig Sidler-Schiess hatte in ihrer letztwilligen Verfügung einen Betrag von 5000 Fr. «zur Verwendung für arme Einwohner von Herisau» testiert und bestimmt, dass «die Totenmaske ihres verstorbenen Vaters, Herrn Kanzler Schiess, der Gemeindestube zur Aufbewahrung übergeben werden» soll, wie es im Protokoll heisst.

Die Gemeindeverantwortlichen waren zunächst skeptisch und wollten sich das Objekt zuerst einmal ansehen, denn «es könnte sein, dass der Charakterkopf bei seinem Tode schon in Verfall gewesen wäre, dass die Aufstellung der Maske im Gemeinderatssaal sich nicht empfehlen dürfte.» Dies war denn aber nicht der Fall, und so wurde die Totenmaske provisorisch über der Brüstung der Sitzplätze des Gemeindehauptmanns und des Gemeindeschreibers angebracht. Heute kann sie im Ratssaal des Gemeindehauses Herisau an der Decke gegenüber dem Eingang betrachtet werden.

Eine Publikation der Gemeinde Herisau.

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