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Mit der Sanierung der Kreuzkapelle zurück zum Ursprünglichen

Die Fassade der Kreuzkapelle wird nach der Sanierung wieder aussehen wie nach ihrem Bau vor über 100 Jahren. Kleine «Schönheitsfehler» sind gewollt.

  • Die Farbe wird mit einem Dampfreiniger abgetragen. (Bilder: gk)

    Die Farbe wird mit einem Dampfreiniger abgetragen. (Bilder: gk)

Der Dampfreiniger zischt und seine Vibrationen machen sich über das Baugerüst in den Füssen bemerkbar. Auf dem Gerüst, wenige Zentimeter von der Wand der Kreuzkapelle entfernt, sitzt ein Mitarbeiter der Kessler Gips AG und löst mit der Düse des Dampfreinigers Stück für Stück die weisse Farbe von der Fassade. Darunter kommt der beige Putz zum Vorschein, der schon bei der Einweihung vor über 100 Jahren die Erscheinung der Kapelle geprägt hat.

Die Arbeiten laufen seit Mitte August. Bei der Sanierung arbeitet die Gemeinde Herisau eng mit der kantonalen Denkmalpflege zusammen. «Wir stellen bei dieser Sanierung in den Vordergrund, was sich seit über 100 Jahren bewährt hat», sagt Gemeindebaumeister Andreas Filosi. Die Kreuzkapelle wird nach der Sanierung nicht «schönlackiert» in strahlendem Weiss erstrahlen. Vielmehr wird – zumindest für Fachleute – deutlich sichtbar bleiben, wo der originale Kratzputz erneuert werden musste. «Solche Spuren erzählen Geschichten und verleihen einem Gebäude eine individuelle Präsenz», sagt Filosi. Ein sorgfältiger Umgang mit Ressourcen sei heute wichtiger denn je und man wolle kein intaktes Material von der Wand abschlagen und entsorgen. «Früher war der Recyclinggedanke im Bauwesen noch weit verbreitet. Steine von alten Gebäuden wurden anderswo weiterverwendet.»

Möglichst viel vom Original erhalten

Für Hans-Ruedi Beck, Co-Leiter der Kantonalen Denkmalpflege, ist es entscheidend, möglichst viel von der originalen Bausubstanz zu erhalten. Denn diese macht laut der Eidgenössischen Kommission für Denkmalpflege die Authentizität eines Baudenkmals aus. Der Herisauer Friedhof sei insofern besonders, als dass er 1835 als erster Friedhof in Ausserrhoden nicht direkt neben der Kirche, sondern ausserhalb des Dorfes angelegt wurde. In der Ausführung sei Rücksicht auf verschiedene Konfessionen genommen worden.

Eva Keller, die mit der Sanierung betraute Architektin, unterstreicht die Bedeutung der 100-jährigen Kapelle: «Der damalige Gemeindebaumeister Alfred Ramseyer hat Herisau geprägt. Seine Entwürfe für die Kapelle fanden in der Fachwelt Beachtung. Sie waren zu ihrer Zeit ein modernes Statement.»

Vor der Sanierung ins Labor

Im Vorfeld der Sanierung waren diverse Abklärungen nötig, um die beste Herangehensweise zu finden. Teile des Putzes wurden im Labor untersucht, um Aufbau, Qualität und Zustand zu ermitteln. Ausserdem musste vor Ort die beste Methode erprobt werden, um den Putz vom Anstrich zu befreien. Und schliesslich musste geprüft werden, ob die unteren Schichten der Fassade den neuen Putz tragen. Denn die verschiedenen Schichten müssen laut Hans-Ruedi Beck wie Zahnrädchen ineinandergreifen können. Daher muss das neue Material bezüglich Feuchtigkeit, Härte und Struktur an den neuen Untergrund angepasst werden.

Alleine die Tageszeit macht einen grossen Unterschied

An der nordöstlichen Fassade der Kreuzkapelle sind Felder zu sehen, in denen neuer Putz aufgetragen worden ist. Die Farbtöne unterscheiden sich stark. «Wir hoffen, heute den richtigen Farbton definieren zu können», sagt Gipsermeister Christoph Kessler beim Ortstermin. Es ist ein Herantasten: «Die farblichen Unterschiede unter den verschiedenen Feldern sind einzig auf die Tageszeit zurückzuführen, zu der der Putz aufgebracht worden ist.»

Der verwendete Kratzputz erhält seine beige Farbe durch die Beimischung von Solothurner Jura-Kalkstein. Seinen Namen trägt er, weil die Oberfläche nach dem Antrocknen mechanisch aufgeraut wird. «Kratzputz hat in den letzten Jahren eine Renaissance erlebt. Seine Eigenschaften ergänzen moderne Wärmedämmungen gut», sagt Christoph Kessler. Zu einem gewissen Grad ist er selbstreinigend, da kleine Partikel der Oberfläche durch Witterungseinflüsse laufend abgetragen werden. Ausserdem absorbiert der poröse Putz Wasser, was das Algenwachstum verhindert.

Diese Eigenschaft kommt aber nur zum Tragen, wenn auf dem Putz keine Farbe aufgetragen wird – und genau das ist seit der Renovation in den 1970er-Jahren mehrfach passiert, was die aktuellen Schäden mitverursacht hat: «Man kann sich das vorstellen, wie wenn man einen Regenmantel trägt und sich anstrengt», sagt Andreas Filosi: Unter der dichten Schicht bildet sich Feuchtigkeit. Bei der Kreuzkapelle hat diese Feuchtigkeit zum Abplatzen von Teilen der Fassade geführt. Wo das Material unbeschädigt geblieben ist, kann es hingegen laut Untersuchungen gut noch einige Jahrzehnte Bestand haben.

Abgeschlossen wird die Sanierung der Kreuzkapelle im November. Ihr Aussehen wird sich dann gegenüber heute verändert haben. Sie wird nicht im oft bemühten «neuen Glanz» erstrahlen,  sondern in ihrem ursprünglichen, stellenweise geflickten Gewand ihre Geschichte erzählen.

Eine Publikation der Gemeinde Herisau.

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